Samstag, 26. Mai 2007
Ein Geständnis
Hallo liebe Welt,

ich denke, die Zeit ist reif für ein kleines Geständnis.
Ja, ich bekenne mich schuldig. Nein, niemand anderes hat Schuld, sie liegt bei mir, bei mir alleine.
Was ich denn Schlimmes getan habe?
Nun, ob es wirklich als schlimm zu bezeichnen ist, darüber mögen andere urteilen, ich stelle nur die Fakten dar:
Ich bin ein Verräter.
An wem ich Verrat begangen habe?
Die Person, die von mir verraten wurde, steht mir sehr nahe, ich kenne sie gut (zumindest glaube ich das).
Ich sehe sie auf Fotos, dort lächelt sie, oder wenn ich in einen Spiegel blicke, aber dann bleibt ihre Miene meist starr.
Eines Morgens bin ich dann aufgewacht und war von meiner Entscheidung überzeugt.
Klar, Veränderungen fallen oft deshalb schwer, weil man Gewohntes aufgeben muss. Nach etwa einem Monat jedoch hatte ich den härtesten Teil hinter mir. Endlich wurde ich angelächelt, wann immer ich in einen Spiegel sah.
Ich denke, dass ich meinen Verrat von mir aus gar nicht bemerkt hätte. Hierzu bedurfte es meine besten Freunde (Damit meine ich die, welche ich schon vor besagtem Morgen als solche bezeichnete).
Nicht falsch verstehen, die sahen mich gerne lächeln.
Aber sie wollten, dass ich es wieder so tat wie früher, wenn mir wirklich danach war.

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Freitag, 18. Mai 2007
Paul
Ich erzähle Euch jetzt eine kleine Geschichte, doch seid gewarnt, denn schön ist sie nicht. Bitte erwartet keinen Spannungsbogen oder eine Überraschung am Ende.
Der Protagonist dieser Geschichte, nennen wir ihn Paul, wird sich zum Schluss umbringen. Klar, dieser Umstand schockiert an dieser Stelle keinen, denn ihr wisst von Paul bisher nicht mehr als seinen Namen.
Aber was macht diesen Paul nun so besonders, dass ich von ihm erzählen möchte?
Würde man diese Frage einem seiner Freunde stellen, entstünde mit großer Wahrscheinlichkeit eine nachdenkliche Stille, an deren Ende Aussagen wie „Paul ist ein netter Kerl“
oder „Paul ist ein guter Kumpel“ fallen würden.
Aha. Wisst ihr jetzt mehr von Paul? Eher nicht.
Gut, dann versuche ich es ein bisschen ausführlicher:

Paul hat meistens gelächelt. Wirklich gelacht selten, aber mit seinem leicht zurückhaltenden Lächeln war er als Gesprächspartner sehr angenehm.
Er war nie taktlos, aufmüpfig oder altklug, und hat andere immer ausreden lassen.
Wenn im Freundeskreis Unternehmungen anstanden, war Paul fast immer und ohne Diskussion dabei. Anschließend half er oft dem einen oder anderen Kumpel, der in der Kneipe die Bedienung ein paar Mal zu oft bemüht hatte, beim Nachhausekommen. Er selbst fand den Weg immer alleine.
Doch soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass Paul langweilig war. Er gehörte vielleicht nicht zu den ersten, die in Unterwäsche über den Schulhof der katholischen Grundschule gerannt sind, doch stand er dabei und hat die Kumpels mit der Kamera gefilmt, um die Erinnerung zu konservieren.
Sein Problem bestand eher darin, dass er in der Menschenmenge das Profil verlor, man konnte ihn dann leicht übersehen. Er selbst nahm irgendwann an, er sei unsichtbar. Seine Erscheinung wurde vielleicht wahrgenommen, hinterließ beim Betrachter aber keine bleibenden Einträge im Gedächtnis oder auch nur die schwächste Spur eines Gefühls.
Auf seiner Geburtstagsparty war es fast so, als sei er gar nicht richtig anwesend.
Zwei Wochen später trafen die Freunde dann wieder zusammen, um Paul die letzte Ehre zu erweisen. Er hatte sich kurz nach besagter Party aus dem Fenster seiner Wohnung gestürzt.
Dabei lief wieder die Kamera.
Damit seine Freunde ein letztes Mal sehen konnten, wie er lächelte.

Ich habe euch ja vorher gesagt, dass Pauls Geschichte kein gutes Ende nimmt.
Bleibt von meiner Seite nur noch eines festzuhalten:
Ganz zum Schluss hat Paul doch einen Platz im Gedächtnis seiner Freunde gefunden.
Aber ich bin mir wirklich nicht sicher, ob er sich darüber freuen würde.

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Samstag, 12. Mai 2007
Zuhause
Dunkel lag sie vor ihm, die Straße, mit Bäumen auf beiden Seiten.
Die Äste und Blätter zitterten im Wind, als ob sie dessen Willen gehorchten. Obwohl er unter einem Vordach stand und sich mit dem Rücken an die kalte Steinwand presste, wurde er nass, denn der Wind schickte den Regen in ungleichmäßigen Abständen zu ihm hinüber.
Kein Mensch war mehr auf der Straße, und es wunderte ihn nicht.
Für einen Moment dachte er daran, zurückzugehen, und wie die anderen in einem Zimmer abzuwarten, bis der Sturm seine Kraft verlieren würde.
Aber dann könnte er heute nicht mehr da ankommen, wo er schon so lange hinwollte.
Könnte nicht das hölzerne Gartentor beiseite schieben, und sich dabei wieder vornehmen, es endlich neu zu streichen.
Könnte nicht an der Hecke vorbeigehen, die ihn jedes Mal daran erinnerte, wie schön es sein kann, der Natur keine Grenzen zu setzen.
Und er könnte auch nicht in das Gesicht der Person blicken, für die sich der Weg durch Regen und Sturm lohnte.
So trat er auf die Straße, wurde sofort nass und fror entsetzlich, doch anhalten wollte er nicht, denn seine Füße liefen von alleine.

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Freitag, 4. Mai 2007
Nur ein Traum
Sie steht am Ufer des Sees, barfuß, mitten in der Nacht.
Die Oberfläche des Wassers spiegelt das Mondlicht, während kleine Wellen um ihre Füße tanzen.
Das Wasser fühlt sich nicht kalt an, sie spürt es kaum.
Selbst der Wind vermag es nicht, sie frieren zu lassen.
Vom nahen Wald hört sie ein hektisches Rascheln, aber es kann ihr keine Angst machen.
Erst als sie ihren Blick senkt und das Wasser sich weigert, ihr Bild zu reflektieren, wacht sie auf.
Sie dreht sich auf die andere Seite und hofft, dass der See ihr beim nächsten Besuch zeigen wird, was sie sehen will.

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Samstag, 28. April 2007
Fickt den Staat - Ein politischer Aufruf
In den Medien wird eine Propaganda verbreitet, der nach die Deutschen ihr politisches Interesse verlieren würden.
Hierzu kann ich nur feststellen: Was für ein Schwachsinn!
Wären die offensichtlich staatlich beeinflussten Medien dazu bereit, ihren Blick auf unsere Szene zu richten, dann würden sie erkennen, welche unglaubliche politische Kraft sich bei uns versammelt.
Am ersten Mai ist es wieder an der Zeit, dass diese politische Kraft für ihre Ideale auf die Straße geht!
Ja, die Revolution findet nun schon zum 20. Mal statt, ohne, dass sich bisher etwas geändert hat, aber davon lassen wir uns nicht unterkriegen!
Nieder mit den G8!
Tod dem Kapitalismus!
Und vor allem: Zur Hölle mit diesem deutschen Polizei-Staat, der unschuldige Bürger wie uns Tag für Tag mit repressiven Maßnahmen verfolgt und demütigt.
Er trägt die wahre Schuld daran, dass viele von uns keine Arbeit mehr haben!
Doch lassen wir uns nicht mit heuchlerischen staatlichen Almosen wie Sozialhilfe und Arbeitslosengeld mundtot machen!
Nein, am ersten Mai zeigen wir diesem Staat erneut, was wir von ihm halten!
In diesem Sinne:
Lasst uns die Straßen besetzen!
Lasst alle feindlichen kapitalistischen Erzeugnisse brennen!
Gebt den Bullen die Straße Stein für Stein zurück, sie provozieren uns dazu, es ist ihre Schuld!
Und verdammt, denkt um Himmels Willen daran, genug Bier mitzubringen!
Soll ja auch ein bisschen Spaß machen, unsere Revolution…

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Samstag, 21. April 2007
Vergiftet
Er war sich nicht mehr ganz sicher, denn die letzten Jahre verschwommen in seinem Kopf, doch es musste schon einige Zeit her sein, dass er vergiftet wurde.
Sie hatten ihm weiß machen wollen, er käme darüber hinweg.
„Klar, es braucht seine Zeit, doch Du wirst sehen, dass Du es schaffst.“
Ja, es war lieb gemeint, und er hätte einem Freund nichts anderes gesagt als das.
Aber helfen konnte es ihm nicht.
Er spürte nun, wie das Gift langsam auf seinen ganzen Körper übergriff, mehr und immer mehr. Gleichzeitig schwanden seine Kräfte.
Sein Kampf war tapfer, doch kam er ihm immer vergeblicher vor.
Gut für ihn, dass das Gift von innen wirkte, denn so sah man es ihm nicht an.
Kämpfen musste er jeden Tag, und immer alleine. Wollte er das so? Manchmal ja, dann ging es darum, es sich selbst zu beweisen.
Aber in seiner letzten Nacht, als das Gift seinen ganzen Körper zerfressen hatte, da wünschte er sich jemanden an seine Seite, der ihm bei seinem Kampf helfen konnte.

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Mittwoch, 11. April 2007
Das Geräusch des Regens
Draußen klopft der Regen an Deine Fensterscheibe, drinnen sitzt Du am Schreibtisch.
Du hast zu tun, doch der einzige Grund, warum Du Deiner Arbeit nachgehst, ist die Ablenkung. Stapel von Papier liegen vor Dir, und es freut Dich.
So viele Stunden Arbeit, unterbrochen höchstens vom Essen oder Schlafen, und keine Zeit zum Nachdenken. Du lässt Dir besonders viel Zeit, Seite für Seite.
Wenn Du wirklich einmal Pause machen solltest, dann sitzt Du einfach nur da, schaust nach draußen, und hörst auf den Regen. Er hat keine Melodie für Dich, doch er erfüllt seinen Zweck, denn das Klopfen verdrängt die Gedanken, die Du jetzt am wenigsten brauchst.
Die Angst vor dem Moment, in dem Deine Arbeit getan und der Regen vorbei ist, die bleibt trotzdem, ganz hinten, aber immer spürbar.

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Samstag, 31. März 2007
Eine chemische Romanze
Wer auch immer den kleinen Blumenladen an der Straßenecke betrat, fühlte sich für den Moment seines Besuches in eine andere Welt versetzt, voller Lebendigkeit und schöner Farben.
Wohl auch aus dem Grund hatte der Junge seine Ausbildung in diesem Laden begonnen.
Sein Chef, den er schon nach drei Tagen eher als Mentor betrachtete, stand kurz vor der Pensionierung, so dass der Junge sein letzter Auszubildender sein würde.
Lag es daran, dass er ihn so gut behandelte?
„Mein Junge, Blumen und Menschen haben ein besonderes Verhältnis zueinander.
Manche passen besser zusammen als andere. Wenn Deine Ausbildung fertig ist, dann wirst Du erkennen, welche Blume zum Kunden passt, sobald er den Laden betritt.“
Daran glaubte der Junge zwar zu Beginn keine Sekunde, widersprach seinem Chef aber auch nicht.
Am besten gefiel es ihm, für die Kunden die passenden Blumen zusammenzustellen.
Im Laden waren alle viel freundlicher als draußen auf der Straße, so als würde diese kleine faszinierende Welt ihnen beim Lächeln helfen.
So verwunderte es nicht, dass viele der Kunden regelmäßig kamen.
Aber ein Kunde, Herr Henkelmann, war so besonders, dass ihm sein Chef bereits am ersten Tag der Ausbildung von ihm erzählte.
„Herr Henkelmann besucht uns jeden Freitag so gegen 17 Uhr. Er lässt jedes Mal einen Strauß Blumen zusammenstellen, für seine Frau.
Welche Blumen das sind, überlässt er Dir.
Sieh einfach zu, dass sie zusammenpassen.
Nur eines ist sehr wichtig: Es muss eine gelbe Rose darunter sein, und zwar eine aus dem Eimer, der hier unter der Kasse steht. Das sind nämlich keine normalen Rosen, ich habe jeder einzelnen von ihnen ein paar Tropfen einer Mixtur mit außergewöhnlicher Wirkung in die Blüte geträufelt.“
Der Junge sah seinen Chef verwundert an.
„Was bewirken diese Tropfen?“
Sein Chef begann zu lächeln.
„Ich erinnere mich noch genau daran, wie Herr Henkelmann zum ersten Mal hier war.
Er wollte einen Strauß Blumen kaufen.
Also fragte ich ihn, für wen die Blumen gedacht seien.
„Für eine Dame“, antwortete er knapp.
„Und ist es eine besondere Dame?“, fragte ich weiter.
Da verdunkelte sich sein vorher noch sehr heiterer Blick.
„Ja, das ist sie.“
Jetzt wollte ich es genau wissen. Denk daran, Du musst Deine Kunden kennen, um ihnen die richtigen Blumen zu verkaufen.
Deshalb fragte ich ihn, warum er denn so traurig aussah, wenn er von dieser besonderen Dame sprach.
„Weil bei ihr alle Mühe vergeblich ist“, lautete seine knappe Antwort.
Da wusste ich sofort, wie ich dem Mann helfen konnte.
Ich erinnerte mich an ein Rezept, was mir mein Chef, ein wirklich kluger Mann, einmal verraten hatte. Mit diesem Rezept konnte ein Mittel hergestellt werden, dessen Duft ausreichte, um jede Frau zu verführen.
Ja mein Junge, als ich zum ersten Mal davon gehört habe, musste ich auch grinsen.
Aber vertrau` mir, es funktioniert!
Mein Chef war der lebende Beweis.
Ich habe es ihm auch erst wirklich geglaubt, als ich die vielen hübschen Frauen sah, die zu seiner Beerdigung kamen.
Von da an probierte ich es selbst aus und ich kann Dir eines versichern:
Dieses Wundermittel ist der heilige Gral, nach dem ein jeder Mann sein Leben lang insgeheim sucht, und mein Chef hatte ihn gefunden. Ich weiß nicht, warum er dieses Rezept nicht zu Geld gemacht hat. Vermutlich siegte am Ende einfach der Egoismus, bei mir ist es ja genauso gewesen.
Wie auch immer, Herr Henkelmann war zunächst sehr skeptisch.
Also gab ich ihm den Blumenstrauß mit den beträufelten gelben Rosen, ohne dass er dafür bezahlen musste.
Genau eine Woche später betrat ein vollkommen veränderter Herr Henkelmann meinen Laden, dessen Glück in jedem Wort, das er sprach, und in jeder seiner Gesten zu sehen war. Von da an kaufte er immer freitags einen Blumenstrauß, und jedes Mal musste ich ihm eine der besonderen gelben Rosen mit hinein binden.
Schon bald sagte ich ihm, dass die gelbe Rose gar nicht mehr nötig sei, doch er wollte kein Risiko eingehen.
So geht das bis heute. In einer halben Stunde müsste er hier sein.“

Nachdem der Chef dem Jungen die Geschichte von Herrn Henkelmann erzählt hatte, ging er nach Hause.
Der Junge stand nun das erste Mal alleine im Laden und dachte nach.
Was fehlte dem Herrn Henkelmann, warum hatte er das Herz seiner Frau nicht auch ohne die gelbe Rose gewinnen können?
Erst das Klingeln der kleinen Türglocke holte ihn aus seinen Gedanken zurück.
Herr Henkelmann betrat den Laden, mit schwungvollem Schritt und freundlichem Gesicht. Er stellte sich vor die Kasse und bat um den üblichen Strauß.
„Junger Mann, dass sie mir ja nicht die gelbe Rose vergessen!“
Der Junge fasste einen Entschluss.
„Sie bekommen den Strauß, aber wir haben leider keine der besonderen gelben Rosen mehr.“
Sofort wurde Herr Henkelmanns Körperhaltung unsicherer und seine gesunde Gesichtsfarbe verwandelte sich in Blässe.
„Wissen Sie, diese Rose ist sehr wichtig für mich. Ohne sie brauche ich gar nicht erst nach Hause zu gehen.“
Doch der Junge begann bereits damit, die anderen Blumen für den Strauß zusammenzubinden.
„Die Rose hat mir eine wunderbare, mittlerweile fünfjährige Beziehung ermöglicht.
Wollen Sie, dass ich die nun einfach aufgebe? “
Der Junge hielt für einen Moment inne.
„Denken Sie im Ernst, dass eine gelbe Rose ihre Frau dazu gebracht hat, sich in Sie zu verlieben?
Glauben Sie mir, sie wird sich auch so über den Strauß freuen.
Er kommt doch von Ihnen.“
So verließ Herr Henkelmann den Blumenladen zu ersten Mal mit einem Strauß, in dem die gelbe Rose fehlte.
Der Junge aber war zuversichtlich:
Herr Henkelmann würde trotzdem wie gewohnt am nächsten Freitag zurückkehren, um Blumen für seine Frau zu kaufen.
Dann wird er endlich eingesehen haben, wie wenig er die gelben Rosen noch benötigt.

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Samstag, 24. März 2007
Gefängnis im Kopf
Sein neues Zuhause ließ ihn vieles vergessen, doch eine Erinnerung musste einfach bleiben, als ob sie in sein Hirn eingebrannt worden wäre:
Das Gefühl von Sand auf der Haut, das Rauschen der Wellen, die kreischenden Möwen und nicht zuletzt der Wind, ohne den das Meer gar nicht existieren könnte. Verbunden waren diese Empfindungen mit seiner Familie, mit der er vor gut zwei Jahren endlich in das Haus direkt am Strand gezogen war. Lange hatten sie davon gesprochen, es sich ausgemalt, Pläne geschmiedet, aber zu oft den entscheidenden Schritt nicht gewagt.
Dann standen sie eines Abends doch endlich am Strand, hinter ihnen ihr Haus, vor ihnen nur das Meer, und brauchten eine Weile, um die Situation zu erfassen.
Von da an saßen sie viele Abende direkt am Meer, mal alleine, mal alle zusammen oder nur er mit seiner Frau, und es fühlte sich gut an, denn ein lange gehegter Wunsch war in Erfüllung gegangen.
Es betrübte ihn, dass die Stimmen in seinem Kopf genau in dem Jahr zum ersten Mal erklangen, als er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in das neue Haus zog.
Er wusste nicht, woher sie kamen oder wie er sie dazu bringen konnte, zu schweigen.
Und als sie immer öfter zu ihm sprachen, da konnte er sie einfach nicht mehr ignorieren.
Er wollte sie verjagen, herausbekommen aus seinem Leben, aus dem Leben seiner Familie, dem neuen Leben am Meer.
Er schrie gegen sie an, besonders nachts, weil sie ihn dann am lautesten riefen. Aber bald gab er seinen Widerstand auf, viel zu schnell, wie er sich später eingestehen musste.
Zum ersten Mal hörte er ihnen zu, und wenig später tat er, was sie ihm befahlen.
Seiner Familie konnte er es nicht verheimlichen, denn für sie wurde er mehr und mehr zu einem Fremden, einer Bedrohung.
So landete er hier, in diesem kleinen Raum, ohne scharfe Ecken oder spitze Gegenstände, mit denen er sich verletzten konnte, wie er es damals gemacht hatte.
Man kümmerte sich um ihn, beschützte ihn vor den Stimmen, die durch kleine weiße Pillen zum Verstummen gebracht wurden.
Jetzt, in den Nächten ohne Stimmen, da musste er immer an seine Familie und das Meer denken, und er wollte dahin zurück.
Sein Sohn hatte ihm ein Bild gemalt, auf dem er mit Mama und Papa am Strand steht und auf das Meer hinaus sieht.
Es hing direkt an der Wand über dem Bett.
Manchmal brachte er Stunden vor dem Bild zu, ließ es realer werden, bis er endlich selbst wieder neben seinem Sohn und seiner Frau das Meer betrachten konnte.
Alles war da, der Sand, die Wellen, die Möwen und natürlich der Wind, aber sein schmerzender Kopf verhinderte jedes Mal, dass er länger am Strand blieb.
Doch immer, nachdem er ihn ein letztes Mal gegen die Wand geschlagen hatte, wusste er, dass er es wieder tun würde, um zu seiner Familie zurückzukehren.
Schon bald kamen Männer und nahmen das Bild weg, damit es ihn nicht mehr dazu brachte, mit dem Kopf gegen die Wand zu hauen.
Von nun an blieb ihm nur, jeden Gedanken zu nutzten, um gegen das Verblassen der Erinnerung anzukämpfen, der Erinnerung an das Meer und seine Familie.

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Samstag, 17. März 2007
Willkommen in der schwarzen Parade!
Als ich noch klein war, vielleicht gerade acht Jahre alt, da kam mein Vater einmal zu mir ins Zimmer, und ich merkte sofort, dass etwas Außergewöhnliches passieren würde, weil sein Gesicht sehr ernst aussah. Er sagte mir, dass es an der Zeit sei, meine besten Sachen anzuziehen, damit ich ihm in die Stadt folgen kann.
Ich fragte ihn, warum es nötig ist, sich dafür hübsch zu machen. Da antwortete er: „Junge, ich zeige Dir heute in der Stadt etwas ganz Besonderes: Die schwarze Parade.“
Anschließend riet er mir noch, mich zu beeilen, und verließ das Zimmer.
Verwirrt stand ich da, in der Mitte meines Zimmers, doch nach kurzer Zeit entschied ich, den Anweisungen meines Vaters zu folgen. Nicht, dass ich ein Kind gewesen wäre, welches seinem Vater nie widersprach. Nein, ich war ganz einfach neugierig, was es mit der schwarzen Parade auf sich hatte.
Als ich mit meinem Vater das Haus verließ, bemerkte ich, wie ungewöhnlich still meine Mutter an diesem Tag war und wie besorgt sie dreinblickte. Mein Vater jedoch ließ sich davon nicht beirren.
Auf dem Weg zur Stadt stellte ich ihm die Fragen, die mich beschäftigten.
Wer läuft da mit?
Wie sieht sie aus?
Warum findet sie statt?
Aber er murmelte nur „wirst Du alles sehen“ und ging weiter.
Nach einigen Minuten blieb er stehen. Wir befanden uns auf der nördlichen Seite der großen Hauptstraße, die durch die ganze Stadt führte und wenige Meter weiter hinter einem Knick verschwand. An beiden Seiten der Straße hatten sich Leute versammelt, sie sprachen kaum und blickten alle nur zum Ende der Hauptstraße.
Ich weiß noch, dass ich die Trommeln hörte, bevor ich auch nur ein einziges Mitglied der schwarzen Parade sah.
Dieses gleichmäßige Trommeln war erst ganz leise und kam dann immer näher. Je lauter es wurde, desto mehr faszinierte es mich.
Kaum zu glauben, aber noch bevor die schwarze Parade um die Ecke bog, hatte sie mich begeistert. Als es dann endlich soweit war, fühlte es sich an, als hätte ich mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet.
„Papa, da kommen sie“, schrie ich.
Doch er packte mich nur am Arm und forderte mich eindringlich auf, still zu sein.
Es fällt mir schwer, an dieser Stelle in Worte zu fassen, wie die schwarze Parade aussieht. Sicherlich kann sie dem unbedarften Beobachter Angst machen, mit all ihren in schwarze Gewänder gehüllten Mitgliedern, die mit absolut präzisem Gleichschritt marschieren. Einige tragen groteske Masken, andere zeigen ihre ausdruckslos-bleichen Gesichter. Es ist, als hätte der Tod diesen Leuten noch einmal gestattet, für einen letzten Marsch auf die Erde zurückzukehren.
Wie ich nach und nach mitbekam, konnte man meinen Vater nicht gerade zu einem Anhänger dieser Parade zählen.
Er drängte mich schon nach fünf Minuten dazu, die Hauptstraße wieder zu verlassen und nach Hause zurückzukehren.
Doch ich wollte nicht. Bereits diese kurze Zeit reichte aus, um mich in einen Anhänger der schwarzen Parade zu verwandeln.
Mittlerweile ist mir klar, dass Vater diesen Umstand immer befürchtet hat.
Ich hingegen besuchte die schwarze Parade von da an zuerst heimlich und später ganz offen, so oft ich es konnte.
Vieles musste ich loslassen und Dinge tun, deren genaue Beschreibung ich an dieser Stelle aussparen möchte.
Aber meine Mühen haben sich gelohnt, denn nun stehe ich da, wo ich immer hinwollte: An der Spitze.
Meinen Eltern gefiel das überhaupt nicht, aber sie waren keineswegs dazu in der Lage, mich daran zu hindern.
Einmal hörte ich kurz vor dem Weggehen, wie meine Mutter in der Küche zu meinem Vater sagte, sie habe von Anfang an gewusst , dass es besser gewesen wäre, mir die schwarze Parade nicht zu zeigen.
Seine Antwort klang so bitter wie überzeugt:
„Wir können ihn nicht vor Allem beschützen, und besonders nicht vor ihr.
Er hätte ihr von alleine widerstehen müssen, was er leider nicht geschafft hat.
Ich dachte immer, dass der Junge stärker ist.“

Mir macht es nichts aus, dass mein Vater mich für schwach hält.
Er ist einfach ignorant, hat die falsche Perspektive und darum nicht die entfernteste Vorstellung davon, wie stark mich die schwarze Parade gemacht hat!

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